Mathematischer Ort des Monats April 2025
Straßenschild zur Boltzmannstraße in Berlin-Dahlem
von
Wolfgang Volk
Die meisten Straßen im heutigen zentralen Campus der Freien Universität Berlin,
der auf dem Arreal der auf Anregung des Theologieprofessors Adolf Harnack (1851-1930) im Jahr
1911 gegründeten
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft1)
(KWG) liegt, tragen Namen von Naturwissenschaftlern – meist Physikern und Chemikern.
Dies ist nicht weiter verwunderlich, waren diese beiden Fachrichtungen doch auch jene,
welche die Institute der KWG vorrangig vertreten sollten. Die Benennung der Straßen
erfolgte allerdings sukzessive, die der Boltzmannstraße am 16. August 1928.
Ludwig Eduard Boltzmann
(1844-1906) studierte ab 1863 an der Wiener Universität Mathematik und Physik und
promovierte am 19. Dezember 1866 zum Doktor der Philosophie.
Er legte die Lehramtsprüfung für Mathematik und Physik an Obergymnasien ab und
leistete das vorgeschriebene Probejahr am Akademischen Gymnasium in Wien während des
Studienjahrs 1867/68. Die Lehrberechtigung (venia docendi) wurde ihm am 19. März 1868 erteilt.
Bis zum 31. Juli 1869 lehrte er als Privatdozent
Seit 1867 war nach der Berufung von
Ernst Mach (1838-1916) an die
Universität Prag der Lehrstuhl für mathematische Physik an der Universität Graz
vakant. Bei der Neubesetzung wurde die Bewerbung L. Boltzmanns, die übrigens auch vom
Direktor des Wiener Physikalischen Instituts,
Josef Stefan (1835-1893) unterstützt
wurde, berücksichtigt und dieser dann am 17. Juli 1869 vom Kaiser Franz Joseph I zum
ordentlichen Professor ernannt.
Allerdings bewarb er sich bereits 1873 auf die freigewordene Professur für Angewandte
Mathematik an der Universität Wien. Seine Ernennung zum ordentlichen Professor erfolgte
am 30. August des gleichen Jahres. Doch bereits 1876 übernahm er die Professur für
Experimentalphysik an der Universität Graz.
Anfang des Jahres 1888 erhielt L. Boltzmann einen Ruf als Professor für Theoretische Physik
an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, der zugeordnete Lehrstuhl war nach dem Tod von
Gustav Kirchoff (1824-1887)
neu zu besetzen. L. Boltzmann sagte zunächst zu – drei Monate später aber
wieder ab. Dieser Lehrstuhl wurde dann mit
Max Planck (1858-1947) besetzt.
Der wechselvolle wissenschaftliche Werdegang Ludwig Boltzmanns hatte damit bei Weitem sein Ende noch
nicht gefunden: Ab dem Wintersemester 1890/91 war er Professor an der
Ludwig-Maximilians-Universität in München; am 1. September 1894 trat er die Nachfolge
seines Lehrers J. Stefan auf dem Lehrstuhl für Theoretische Physik in Wien an;
ab dem 1. September 1900 lehrte er an der Universität Leipzig, dann – ab dem
Wintersemester 1902/03 bis zu seinem Tod wieder an der Universität Wien.
Diese wechselvolle Lebensgeschichte – viele weitere Einzelheiten sind [4] zu
entnehmen – erklärt die etwas befremdlich wirkende Inschrift auf dem Sockel
der Büste Ludwig Boltzmanns im Arkadenhof der Wiener Universität:
Ludwig
Boltzmann
geb[oren] 1844 gest[orben] 1906
Professor der Mathematik
1873 – 1876
Professor der theoretischen Physik
1894 – 1900 1902 – 1906
geb[oren] 1844 gest[orben] 1906
Professor der Mathematik
1873 – 1876
Professor der theoretischen Physik
1894 – 1900 1902 – 1906
Ludwig Boltzmann schied während seines Sommerurlaubs in Duino an der italienischen Adriaküste
im Alter von 62 Jahren freiwillig aus dem Leben. Bestattet ist er auf dem Wiener Zentralfriedhof
(Gräberfeld 14C). Das Grab ist mit einer Büste, die ihn zeigt, gestaltet. Ferner ist auf dem
Grabstein ganz oben die Formel
S = k log W
wiedergegeben2). Sie stellt gemäß [3] eine
Beziehung zwischen thermodynamischen Entropie S, die durch den
zweiten Hauptsatz der
Thermodynamik bestimmt wird und der Wahrscheinlichkeit des betrachteten Zustands W her.
k bezeichnet hier die
Boltzmann-Konstante. Nun ist in besagter Formel die Basis des Logarithmus' nicht festgelegt.
Wegen der Identität
loga x = loga b
· logb x
erhält man für verschiedene Basen des Logarithmus' konsequenterweise
unterschiedliche Werte der Konstanten k.
Dieses physikalische Prinzip hat zahlreiche Interpretationen und Konsequenzen,
auf die hier allerdings nicht näher eingegangen werden kann. Lediglich ein Sachverhalt
soll hier skizziert werden, bei dem die Boltzmann-Konstante – (man muss sagen) seit
Neuestem – eine wichtige Rolle spielt, und zwar geht es dabei um die Definitionen
der sieben physikalischen Basisgrößen – alle anderen physikalischen
Größen lassen sich aus diesen ableiten. Den Beginn der Bemühungen markiert
ein internationaler, am 20. Mai 1875 geschlossener Vertrag – die
Meterkonvention.
Der Vereinbarung folgend wurde unter anderem das Bureau international des poids et mesures
(BIPM, Internationales Büro für Maß und Gewicht) eingerichtet sowie
die Herstellung von Normalen
(Urmeter und
Urkilogramm)
für die Maßeinheiten „Meter“ und „Kilogramm“ beschlossen.
Im Jahr 1970 erschien die 1. Ausgabe der SI-Broschüre, in der die Definitionen der
sieben Basisgrößen und deren Einheiten festgeschrieben werden. Diese sind
Größen der Art Länge mit der Einheit Meter (m), der Art Masse
mit der Einheit Kilogramm (kg), der Art Zeit mit der Einheit Sekunde (s),
der Art elektrische Stromstärke mit der Einheit Ampere (A), der Art
thermodynamische Temperatur mit der Einheit Kelvin (K), der Art Stoffmenge
mit der Einheit Mol (mol) und der Art Lichtstärke mit der Einheit
Candela (cd).
Inzwischen hatte sich bereits die Definition der Basiseinheit Meter geändert; sie war
nicht mehr die Länge des Urmeters, sondern sie war seit 1960 als Vielfaches der
Wellenlänge einer elektromagnetischen Strahlung des Kryptonisotops 86Kr im
Vakuum festgelegt. Auch die Basiseinheit Sekunde ist nicht mehr als 86400-ste Teil der
mittleren Tageslänge definiert, sondern als Vielfaches einer bestimmten Frequenz des
(ungestörten) Caesiumisotops 133Cs.
Inzwischen, das heißt seit 2019, liegt die neunte Ausgabe der SI-Broschüre vor.
In dieser definiert auch das Urkilogramm nicht mehr die Einheit für Massen,
wie noch in der achten Ausgabe aus dem Jahr 2006. Sie leitet sich nun aus der
Planck-Konstante mit dem (nun)
exakten Wert 6,626 070 15 × 10−34 J s (identisch mit
kg m2 s-1) ab3).
Und auch die Definition der Einheit Kelvin für die thermodynamische Temperator hat
eine neue Definition erfahren – in der neuten Ausgabe der SI-Broschüre
leitet sie sich aus der
Boltzmann_Konstanten mit dem Wert
1,380 649·10-23J K-1 (identisch mit
kg m2 s-2 K-1)
ab3).
Damit sind bis auf die Basiseinheit Sekunde alle weiteren durch zunächst empirisch
bestimmte physikalische Konstanten definiert, die weiteren Details sind [1] zu entnehmen.
Im berliner Ortsteil Adlershof, dort wo das Mathematische Institut etliche weitere Einrichrungen
der Humboldt-Universität angesiedelt sind, ist Ludwig Boltzmann Namensgeber einer weiteren
Straße.
Im Jahr 1981 wurde anlässlich des 75. Todestags von L. Boltzmann eine Briefmarke mit
seinem Porträt von der Österreichische Post- und Telegraphenverwaltung
herausgegeben.
Referenzen
[1] | Bureau International des Poids et Mesures (BIPM): Le système international d'unités (SI), 9. Ausgabe, 2019 | |
[2] | Kauperts Straßenführer durch Berlin: Boltzmannstraße | |
[3] | Arnold Sommerfeld: Boltzmann, Ludwig, Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 436-437 | |
[4] | Wikipedia: Ludwig Boltzmann |
Bildnachweis
Straßenschild in Dahlem | Wolfgang Volk, Berlin, Februar 2025 | |
Büste und Grab | Wolfgang Volk, Berlin, März 2010, nachbearbeitet durch Michael E. Klews | |
Straßenschild in Adlershof | Wolfgang Volk, Berlin, April 2013 |
1) Die Nachfolgeorganisation der KWG wurde nach dem
Zweiten Weltkrieg die Max-Planck-Gesellschaft.
2) Während auf dem Grabstein alle Formelelemente
in aufrechter Schrift eingraviert sind, ist die Formel im Text „ansatzweise“
gemäß den Vorgaben der Norm ISO 80 000-2 gesetzt. Der Begriff
„ansatzweise“ bezieht sich darauf, dass die verschiedenen auftretenden
Größen in geneigter Schrift wiedergegeben werden, wobei sie eigentlich in
Schreibschrift (Italics) gesetzt werden müssten. Dabei sei angemerkt, dass (derzeit noch)
physikalische Konstanten – hier k im Gegensatz zu mathematischen Konstanten
wie die Kreiszahl π und die Euler'sche Zahl e – ebenfalls kursiv gesetzt
werden! Die Funktion log hat hier eine feste Bedeutung und muss daher aufrecht gesetzt werden
(wie eine mathematische Konstante / konstante Bedeutung).
3) J steht hier für die Energieeinheit Joule,
alle andere Einheitenbezeichnungen sind weiter oben bei der Aufzählung der sieben
Basisgrößen und -einheiten genannt.