Mathematischer Ort des Monats August 2026
Grabstein für Walter Porstmann in Berlin-Lankwitz
von Wolfgang Volk
 
Walter Porstmann
Grabstein für Marie und Walter Porstmann
 
Der Name des Mathematikers Walter Porstmann (1886-1959) wird den meistan Menschen unbekannt sein – auch den meisten Fachleuten, denn sein Beitrag, für den ihm Ehre gebührt, hat er auf einem Gebiet erbracht, das weniger im Rampenlicht steht und in dem einzelne Namen eher keine Rolle spielen, sondern die Ergebnisse in Arbeitskreisen erarbeitet werden – nämlich der Entwicklung von Normen.
Und bei einer der bekanntesten Normen, bei denen es um Regeln geht, die das Zusammenwirken verschiedener Komponenten durch definitive Vereinbarungen sicherstellen, ist jene über die Papierformate. Und genau hier spielen die Überlegungen von Walter Porstmann eine entscheidende Rolle – die Norm mit der Bezeichnung DIN 476 „Papierformate“, zuerst veröffentlicht am 18. August 1922. (Hinweis: Deshalb wurde jüngst angeregt, am 18. August bundesweit den Tag der Papierformate zu begehen.) Um das Thema einigermaßen übersichtlich zu gestalten, wird der Fokus der nachstehenden Überlegungen ausschließlich auf die A-Reihe dieser Norm gelegt; es sind die Papierformate, die dem gemeinen Bürger und der gemeinen Bürgerin am besten vertraut sind.
Aber es lohnt sich, hier die geschichtlichen Zusammenhänge im Detail zu betrachten, denn es ist bei Weitem nicht so, dass schon immer alles vorhanden war – vieles entwickelte sich erst im Laufe der Zeit:
  • So wurde erst im Jahr 1875 auf der Grundlage von Gradmessungen in Frankreich – zwischen Dünkirchen, Paris und Barcelona in den Jahren 1792-1798 die Längeneinheit Meter als 10.000.000stel der aus diesen Messungen abgeleiteten Länge des Erdmeridianquadranten – also des Abstands des Nordpols vom Äquator entlang auf Meeresniveau festgelegt. Dem Dokument der Meterkonvention – veröffentlicht am 20. Mai 1875 – traten unmittelbar 17 Staaten bei – im Deutschen Reich wurde am 5. September 1876 im Reichs-Gesetzblatt verkündet, dass auch das Deutsche Reich der Meterkonvention beigetreten ist. Dieses Maß wurde 1889 in Gestalt des Urmeters (Etalon aus einer Platin-Iridium-Legierung) realisiert, von dem 30 Kopien angefertigt wurden. Staaten, die der Meterkonvention beitraten, erhielten eine Kopie dieses Urmeters.
  • Das Bewusstsein zum Thema „Normung“ war selbstverständlich zunächst auch nur sehr wenig ausgeprägt und musste sich erst sukzessive durch „Erfolge“ Anerkennung verdienen. Ein nationales Gremium für Normung, unter der Bezeichnung Normenausschuss der deutschen Industrie, wurde erst im Jahr 1917 – also noch während des 1. Weltkriegs – als Verein gegründet, die internationale Organisation International Organization for Standardization (ISO) erst im Jahr 1946 ins Leben gerufen, wobei es hier eine Vorgängerorganisation gab (vergleiche auch den Artikel zum Weltnormentag).
  • Die Idee verschiedene Papierformate mit einheitlichem Höhen-Breiten-Verhältnis festzulegen ist schon älter – genauso wie die Überlegung, dass es eine Folge von Papierformaten geben sollte und diese durch Halbierung der Fläche des Vorgängerformats hervorgehen sollte. Diese Bedingungen führen auf die Gleichung
         1:x = x:2
    mit der Lösung x = 21/2 ([Quadrat-]Wurzel aus 2, übrigens sind Längenangaben stets positiv). Das Verdienst Walter Porstmanns ist es aber, dass er durch die Festlegung der Fläche des größsten Papierformats, das dann die Bezeichnung DIN A0 erhielt, auf 1 m2 festlegte und damit die Verbindung zum metrischen System herstellte.
  • Inzwischen – das heißt seit dem Jahr 1975 – sind Teile der Norm DIN 476 in die internationale Norm ISO 216 übergegangen. Seit der Veröffentlichung der überarbeiteten Fassung dieser Norm im Jahr 2002 ist die Norm DIN 476 zurückgezogen worden.1)
Walter Porstmann studierte in Erlangen, Kiel und Leipzig, legte das Staatsexamen in Mathematik, Physik und angewandter Mathematik ab. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs verfasste er seine Dissertation mit dem Titel „Untersuchungen über Aufbau und Zusammenschluss der Maßsysteme“ und legte 1920 die Prüfung ab.
Der Grabstein für Marie und Walter Porstmann ist ein Findling, in der lediglich der Nachname und die beiden Vornamen eingemaißelt sind. Er befindet sich im Gräberfeld CIII des Lankwitzer Friedhods (postalische Adresse: Lange Str. 8, 12209 Berlin), das wiederum zu einem beträchtlichen Teil aus einer Rasenfläche besteht, in der sich Gräber aus den letzten Kriegstagen befinden und deren Grabplatten in den Rasen eingebettet sind. Und just am südlichen Ende dieser Rasenfläche findet man den Grabstein. Nachstehend eine Aufnahme dieses Gräberfelds, im Hintergrund die Stele zum Gedenken an die hier ruhenden 81 gefallenen ausländischen Staatsangehörigen und allen Opfern des Krieges 1939-1945, aufgenommen etwa aus westlicher Richtung. Der Grabstein von Walter und Marie Porstmann ist rechts jenseits des Bildrands zu verorten.
Opfergraeber
Das Gräberfeld mit den Gräbern dee letzten Kriegstage
 

Referenzen

[1]   Uta Bilow: Von der Elle zur Naturkonstante, maßstäbe – das wissenschaftsjournalistische Magazin der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt 12 (2013), S. 46 – 47
[2]   Claudia Christ: Der Vater der DIN-Norm – Ordnung war Walter Porstmanns Leidenschaft, Lankwitz extra Nr. 4/2013, S. 13
[3]   Wikipedia: Friedhof Lankwitz
[4]   Wikipedia: Walter Porstmann
 

Bildnachweis

alle Bilder   Wolfgang Volk, Berlin, Juli 2026
 

1) In Teilen lebt sie in Gestalt der Norm DIN 476-2 weiter, in der die Maße der C-Reihe für Versandtaschen festgelegt sind..