Mathematiker des Monats Dezember 2015
Erhard Schmidt (1876-1959)
von Karin Reich
Erhard Schmidt
Erhard Schmidt
 
Erhard Schmidt gilt als einer der Begründer der Funktionalanalysis, ein Gebiet, das er zusammen mit David Hilbert erforschte; Schmidts weitere Arbeitsgebiete waren die Analytische Zahlentheorie, die Topologie, sowie die Isoperimetrischen Probleme in der Geometrie.
Johann Oswald Erhard Schmidt wurde am 13. Januar 18761) in Dorpat, heute Tartu in Estland, geboren und besuchte die Gymnasien in Dorpat und Riga. Er studierte an den Universitäten in Dorpat bei Adolf Kneser, in Berlin bei Hermann Amandus Schwarz und in Göttingen bei David Hilbert. Bei diesem wurde er 1905 mit der Arbeit „Entwicklung willkürlicher Funktionen nach Systemen vorgeschriebener Integralgleichungen“ promoviert, die 1907 in den „Mathematischen Annalen“ veröffentlicht wurde. Das Thema Integralgleichungen beschäftigte ihn auch noch nach seiner Promotion, seine in den Jahren 1907 und 1908 publizierten Arbeiten zu diesem Thema gelten als Klassiker. Durch diese Veröffentlichungen wurde der Name Erhard Schmidt mit einem Schlage in der mathematischen Welt bekannt.
Erhard Schmidt
Erhard Schmidt (r.) und sein Nachfolger im Amt des Rektors der Berliner Universität Gustav Adolf Deissmann
 
1906 habilitierte sich Schmidt an der Universität Bonn bei Eduard Study, 1908 wurde er Professor an der Universität in Zürich, 1910 in Erlangen und 1911 in Breslau. Im Jahre 1909 heiratete Schmidt Berta von Bergmann, die allerdings schon im Jahre 1916, bei der Geburt des dritten Sohnes, verstarb. 1917 wurde Schmidt an die Universität Berlin als Nachfolger von Schwarz berufen, kurze Zeit später, 1918, wurde er Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1929/30 nahm er das Amt des Rektors der Universität Berlin wahr, in seiner Antrittsrede am 15. Oktober sprach er über das Thema „Über Gewißheit in der Mathematik“. In den Jahren 1927/28 sowie 1935/36 war Schmidt Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Im Jahre 1936 war er Leiter der deutschen Delegation auf dem Internationalen Mathematikerkongress in Oslo.
Im Jahre 1939 veröffentlichte Schmidt eine erste, sehr umfangreiche Arbeit über das isoperimetrische Problem im Raum von n-Dimensionen, ein Gebiet, dem er noch zahlreiche weitere Abhandlungen widmen sollte. Ende der 40er Jahre war es vor allem der damit in Zusammenhang stehende Brunn-Minkowskische Satz, den Schmidt zum Thema von mehreren Arbeiten machte.
1942 wurde Schmidt korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die Familie Schmidt wurde im November 1943 ausgebombt und musste mit der Evakuierung nach Vetschau bei Cottbus vorlieb nehmen; trotz der großen Entfernung kam er seiner Vorlesungstätigkeit in Berlin noch nach. Am 20. Januar 1946 konnte die Berliner Universität wiedereröffnet werden, sie unterstand der Zentralverwaltung für Volksbildung der sowjetischen Besatzungszone. Im Jahre 1946 konnte Schmidt sozusagen einen Neuanfang an der Universität wagen, das Mathematische Institut befand sich damals im westlichen Teil Berlins, in der Sedanstraße 8 in Steglitz. Am 1. Oktober1946 wurde das Forschungsinstitut für Mathematik der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin gegründet, dem Erhard Schmidt, Helmut Hasse und Georg Hamel als Direktoren vorstanden. 1948 wurde Erhard Schmidt Mitbegründer und erster Herausgeber der Zeitschrift Mathematikschen Nachrichten. Nachdem 1948 die Freie Universität gegründet war, wurde am 8. Februar 1949 die Berliner Universität offiziell als „Humboldt-Universität“ bezeichnet. In demselben Jahr 1949 erhielt Erhard Schmidt den Nationalpreis der DDR, und zwar für seine bahnbrechenden Beiträge zur Theorie der linearen und nichtlinearen Integralgleichungen. 1950 wurde Schmidt emeritiert. Er hatte mehr als 30 Doktoranden als Erst- und Zweitgutachter betreut, darunter als Erstgutachter 1920 Guido Hoheisel, 1921 Salomon Bochner, 1925 Heinz Hopf, 1936 Alexander Dinghas und 1950 Martin Kneser.
Titelblatt von Band 4 der Mathematikschen Nachrichten
Titelblatt von Band 4 der Mathematischen Nachrichten
Widmung
Widmung zu diesem Band
Zu seinem 75. Geburtstag am 13. Januar 1951 veröffentlichten Schmidts Kollegen eine 511 Seiten umfangreiche Festschrift, die als Band 4 der „Mathematischen Nachrichten“ erschien. 1951 hielt die Berliner Mathematische Gesellschaft eine Festsitzung zu Ehren von Erhard Schmidt ab, er wurde Ehrenmitglied dieser Gesellschaft. 1955 verlieh ihm die Universität Tübingen den Ehrendoktor, 1956 wurde er korrespondierendes Mitglied der Académie des Sciences in Paris.
Erhard Schmidt starb am 6. Dezember 1959 im Alter von fast 84 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem „Alten Friedhof“ in Potsdam.
Grabstätte von Erhard Schmidt und seiner Gattin Bertha
Grabstätte von Erhard Schmidt und seiner Gattin Bertha
 
Am 6. Dezember 2009 wurde mit einer Kranzniedergelegung an Schmidts Grab und anschließend im Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik in einer Gedenkveranstaltung dem 50.sten Todestag von Schmidt in Form eines „Erhard-Schmidt-Tages“ gedacht (vergleiche [9]). In diesem Institut befindet sich auch ein nach Erhard Schmidt benannter Hörsaal und die vom Künstler Fritz Cremer geschaffene Büste, die 1950 von der Akademie der Wissenschaften in Auftrag gegeben wurde (siehe auch [8, S. 134]).
 

Literatur in chronologischer Reihenfolge

[1]   Rolf Nevanlinna: Erhard Schmidt zu seinem 80. Geburtstag, Mathematische Nachrichten 15 (1956), 3 - 6
[2]   Julia, Gaston: Notice nécrologique sur Erhard Schmidt, Comptes rendus Paris 249 (1959), 2676 - 2677
[3]   Hans Rohrbach: Erhard Schmidt; Ein Lebensbild, Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 69 (1968), 209 - 224 (bzw. 231 - 246)
[4]   Alexander Dinghas: Erhard Schmidt, Jahresbericht der deutschen Mathematiker-Vereinigung 72 (1970), 3 - 17
[5]   Kurt-Reinhard Biermann: Die Mathematik und ihre Dozenten an der Berliner Universität 1810-1933; Stationen auf dem Wege eines mathematischen Zentrums von Weltgeltung, Akademie-Verlag, Berlin 1988, hier insbes. S. 186f, 196f, mit Porträt, ISBN 3-05-500402-7
[6]   Hellmut Baumgärtel: Erhard Schmidt, John von Neumann, in: Mathematics in Berlin, hrsg. von H. G. W. Begehr, H. Koch, J. Kramer, N. Schappacher, E.-J. Thiele, Birkhäuser, Berlin usw., 1998, 97 - 104, ISBN 978-3764359430
[7]   Heinrich Begehr: Mathematik in Berlin, zweiter Halbband, Shaker Verlag, Aachen, 1998, 27 - 31, ISBN 3-8285-4226-6
[8]   Iris Grötschel: Das mathematische Berlin - Historische Spuren und aktuelle Szene, 1. Aufl., Berlin Story Verlag, Berlin, 2008, 133f, ISBN 978-3-929829-92-1
[9]   Wolfgang Volk: Erhard-Schmidt-Tag, Forum der Berliner Mathematischen Gesellschaft, Bd. 12, März 2010, 121f
 

Bildnachweis

Porträt   Konrad Jacobs, das Bild ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany-Licenz
Amtsübergabe   Der scheidende Rektor Erhard Schmidt und sein Nachfolger Gustav Adolf Deissmann im Jahre 1930, Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Signatur: Portr.Slg.Math.kl/Schmidt, Erhard, Nr. 2
Titelblatt   Titelblatt von Band 4 der Mathematischen Nachrichten, Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Signatur: Zsn 447-4/5.1950/51
Widmung   Widmung aus Band 4 der Mathematischen Nachrichten, Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Signatur: Zsn 447-4/5.1950/51
Grabstätte   Ehrhard Behrends, nach der Kranzniederlegung 2009

1) Dies ist das Geburtsdatum nach dem Greogrianischen Kalender; das entsprechende Geburtsdatum nach dem Julianischen Kalender ist der 1. Januar 1876. Erst 1918 wurde auf estnischem Hoheitsgebiet der Gregorianische Kalender eingeführt.