Mathematiker des Monats November 2015
Georg Karl Wilhelm Hamel (1877-1954)
von Eberhard Knobloch
Georg Karl Wilhelm Hamel
Georg Karl Wilhelm Hamel
 
Der „international anerkannte Altmeister der Mechanik“, wie ihn Otto Haupt in seinem Nachruf [2] nannte, der Rheinländer Georg Hamel wurde am 12. Dezember 1877 in Düren als ältester Sohn des königlichen Rentmeisters, also des landesherrlichen Finanzbeamten Johann Leonhard Hamel und seiner Frau Pauline, geb. Hansen geboren. Ab 1895 studierte er Mathematik und Mechanik in Aachen, Berlin und Göttingen, wo er 1901 bei David Hilbert mit einer Arbeit „Über die Geometrien, in denen die Geraden die Kürzesten sind“ promovierte. Nach kurzer Assistentenzeit bei Felix Klein habilitierte er sich 1903 an der Technischen Hochschule Karlsruhe für Mathematik und Mechanik mit einer Abhandlung über die Lagrange-Euler’schen Gleichungen der Mechanik.
Schon zwei Jahre später wurde Hamel auf den ordentlichen Lehrstuhl für Mechanik an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn (heute Brno) berufen, 1912 auf ein Ordinariat für Mathematik an der Technischen Hochschule Aachen. Von 1919 bis zum Kriegsende 1945 war er ordentlicher Professor für Mathematik und Mechanik an der Technischen Hochschule Berlin. 1928/29 war er deren Rektor. 1936 wurde er in die Leopoldina gewählt, die heutige Nationalakademie Deutschlands. Weitere derartige Ehrungen sollten folgen.
Hamel hat Generationen von Schülern und Studenten der Mathematik und Mechanik geprägt, nicht zuletzt durch seine Lehrbücher zur elementaren Mechanik (1912) und theoretischen Mechanik (1949). Souverän beherrschte er die Gebiete der reinen und angewandten Mathematik sowie der Mechanik. Seine bekannteste Leistung war sein Versuch, die Mechanik axiomatisch aufzubauen, ein Interesse an Grundlagenfragen, wie es auf mathematischem Gebiet schon in seiner Dissertation zum Ausdruck gekommen war. Seine starken philosophischen und erkenntnistheoretischen Interessen ließen ihn Immanuel Kant zu seinen Lehrern zählen.
Neben Arbeiten über Geometrie, Zahlentheorie, Funktionentheorie, Variationsrechnung, lineare Differentialgleichungen und Integralgleichungen stand der große Komplex seiner Arbeiten zur Mechanik mit all ihren Teilgebieten, der Hydromechanik, der Theorie der Drähte und Seile, der Mechanik der starren Körper.
In der Tradition seines Lehrers Felix Klein interessierte sich Hamel für den mathematischen Unterricht an Schule und Hochschule, allgemein für die Ausbildung der Mathematiker. 1921 gründete er deshalb den Reichsverband deutscher mathematischer Gesellschaften und Vereine, den er bis zum Kriegsende 1945 leitete. Freilich verschweigen sämtliche Würdigungen die wenig rühmliche Rolle, die Hamel während des Dritten Reichs in diesem Zusammenhang gespielt hat. Am 20.9.1933 ließ sich Hamel in Würzburg zum „Führer“ des Mathematischen Reichsverbandes wählen, der anschließend beschloss, sich bei der Wahl der Mitarbeiter an das Arierprinzip in seiner strengen Form zu halten und sich „aufrichtig und treu in den Dienst der nationalsozialistischen Bewegung hinter ihren Führer Adolf Hitler“ zu stellen. Dem entsprach, dass Hamel in demselben Jahr in den Unterrichtsblättern für Mathematik und Naturwissenschaften die Geistesverbundenheit der Mathematik mit dem Dritten Reich hervorhob. Die Grundhaltung beider sei die Heroische. Neben die Lehre vom Blut und vom Boden gehöre die Mathematik als Lehre vom Geist, vom Geist als Tat. Was hilft es da, dass Hamel nach dem 2. Weltkrieg versicherte, nie Parteigenosse gewesen zu sein?
Anders als in vielen Nachrufen behauptet wird, hat Hamel den Unterricht an der 1946 wieder eröffneten Technischen Universität Berlin nicht wieder aufgenommen. Wohl aber hat er im Wintersemester 1948/49 an der Humboldt Universität in Berlin (Ost) eine Vorlesung über Mechanik gehalten und eine Zeitlang zusammen mit Erhard Schmidt und Helmut Hasse das Direktorium des neu gegründeten Forschungsinstituts für Mathematik der Deutschen Akademie der Wissenschaften gebildet. So hieß zunächst die ehemalige Preußische Akademie der Wissenschaften nach dem Krieg. In seinem letzten Lebensjahr, 1954, verließ Hamel diese Akademie, der er seit 1938 angehört hatte. War er doch Gründungsmitglied der 1949 gegründeten Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur, die sich auf Leibniz berief und einen Gegenentwurf zur Berliner Akademie darstellen sollte: Diese lag ja im sowjetischen Sektor der Viersektorenstadt.
Noch kurz vor seinem Tode wurde Hamel durch die Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1953) und durch die Verleihung eines Doktortitels ehrenhalber durch die Technische Hochschule Aachen geehrt. Seine wissenschaftlichen Leistungen wurden schon anlässlich seines 60. und 70. Geburtstages gewürdigt. Anlässlich seines 75. Geburtstages gab es in Salzburg eine Feier zu seinen Ehren. Die Technische Universität Berlin ernannte ihn zum Ehrensenator, die Berliner Mathematische Gesellschaft zum Ehrenmitglied. Am 4. Oktober 1954 verstarb Hamel im bayerischen Landshut, wo er bei einer seiner drei Töchter lebte.
 

Referenzen

[1]   Georg Faber: Georg Hamel 12.9.1877-4.10.1954, in: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1955, 178 - 180
[2]   Otto Haupt: Nachruf auf Georg Hamel, in: Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz 1954, 148 - 154 (mit Bildnis und Werkverzeichnis)
[3]   Eberhard Knobloch: Mathematik an der Technischen Hochschule und der Technischen Universität Berlin 1770-1988, Berlin, 1998, S. 24 und 34 - 37; vollständige Zusammenstellung der Würdigungen, insbesondere zum 60., 70., 75. Geburtstag S. 73-74 (Anmerkung 87)
[4]   Josef Lense: Hamel, Georg Karl Wilhelm, in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), 583
[5]   Klaus Mainzer: Hamel, Georg Karl Wilhelm, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hrsg. von Jürgen Mittelstraß, Bd. 2, Mannheim - Wien - Zürich, 1984, 29-30
[6]   Werner Schmeidler: Zum Gedächtnis an Georg Hamel, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 58 (1955), 1 - 5
[7]   István Szabó: Georg Hamel zum Gedächtnis, in: Jahrbuch der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt e. V. 1954, 25 - 28 (mit Bildnis und Werkverzeichnis)