Mathematischer Ort des Monats Juni 2026
Tafeln für Michael Stifel und Johann Friedrich Böttger in der Lutherstadt Wittenberg
von Wolfgang Volk
 
Michael Stifel
Tafeln für Michael Stifel und Johann Friedrich Böttger
 
An der zur Schloßstraße zugewandten Hausfassade befinden sich am zur Schlosskirche orientierten Ende des Gebäundes der (heuigen) Jugendherberge1) (die postalische Adresse lautet: Schloßstr. 15, 06886 Wittenberg) zwei Gedenktafeln, bei denen der Begriff „Schutzhaft“ eine besondere Rolle spielt.
Die beiden Tafeln beziehen sich auf den Pfarrer und Mathematiker Michael Stifel sowie auf den Chemiker und Alchimisten Johann Friedrich Böttger. Die Inschriften der beiden Tafeln lauten wie folgt:
Michael Stifel
(1487-1567)
Theologe, Mathematiker
hier 1533 in Schutzhaft
Joh[ann] Friedrich Böttger
(1682-1719)
Erfinder des europ
[äischen] Porzellans
hier 1701 in Schutzhaft
Da sich die Jahresangaben, wann die beiden der Schutzhaft bedurften, signifikant unterscheiden – es liegen da knapp 170 Jahre dazwischen – ist es selbstverständlich naheliegend, die Umstände für die beiden getrennt voneinander zu betrachten.
Allerdings wird der Begriff der Schutzhaft heute primär in dem Sinn verstanden, den er in den Jahren zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg erhielt, nämlich als Möglichkeit, Menschen auch ohne Gerichtsverfahren – zum Schutz der Allgemeinheit, Verdacht oder die Zuordnung zu einer bestimmten Personengruppe (Kommunisten, Sozialisten, …) genügten – einzukerkern (vergleiche [9, Stand Mai 2026]). Dass diesem Begriff, so wie er auf den Tafeln verwendet wird, eine ganz andere Bedeutung zukommt, dürfte aus den nachstehenden Schilderungen deutlich werden.
Michael Stifel war als Nachfolger von Franz Günther (-1528) in Lochau vom Reformator Martin Luther als Pfarrer vermittelt worden. Neben der Wahrnehmung seiner Pflichten als Pfarrer beschäftigte sich Michael Stifel auch noch mit Arithmeik und Zahlensymbolik, wobei Letzteres im ausklingenden Mittelalter noch durchaus verbreitet war. Man versuchte dabei überlieferten Texten – vorzugsweise der Bibel –, zusätzliche, verborgene Botschaften zu entlocken. Und so war Pfarrer Stifel irgendswann absolut davon überzeugt, den genauen Zeitpunkt des Weltuntergangs genau berechnet zu haben – nämlich auf den 19. Oktober 1533 morgens um 8 Uhr! Obwohl Martin Luther ihm davon abriet, hat er das Ergebnis seiner „Berechnungen“ auch in seinen Predigten vermittelt.
Wie wir heute wissen, ist weder zum prognostizierten Zeitpunkt noch zu einem Datum unter Berücksitigung etwaiger Rundungsfehler die Welt nicht untergegangen. Entsprechend war seinerzeit die Erzürnung in der Bevölkerung groß, weil man ja tendenziell das eigene Engagement aufgrund eines unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs signifikant reduziert hatte und damit einer Vorsorge für die eigene Zukunft schuldig geblieben ist. Wegen des Zorns der Bevölkerung wurde Michael Stifel festgenommen und verbrachte die nächsten vier Wochen in Wittenberg in Schutzhaft. Und auf genau diese Situation weist die obige Tafel hin.
Nun wird hier Michael Stifel als Mathematiker ausgewiesen. Tatsächlich beschäftigte Michael Stifel sich danach ernsthaft mit Mathematik, schrieb sich 1541 zum Studiun der Mathematik an der Universität Leucorea in Wittenberg ein. Von 1548 bis ins Jahr 1564 bekleidete er die Professur für Mathematik an der Universität Jena. Eine detailliertere Darstellung seiner mathematische Leistungen findet man in [5].
Sowohl in seiner Geburtsstadt Esslingen am Neckar wie auch in Jena, wo eine vergleichbare Kultur bezüglich der Würdigung von Persönlichkeiten auf Tafeln an Gebäudefassaden wie in Wittenberg gepflegt wird, befinden sich ebenfalls Tafeln, die Michael Stifel als Mathematiker hervorheben (siehe auch [2] und [3]).
Was Johann Friedrich Böttger angeht, so ist dessen Lebenslauf nicht minder ungewöhnlich (um nicht spektakulär zu sagen). Er wurde (vermutlich am 4. Februar) 1682 in Schleiz auf den Hochebenen des Vogtlandes geboren. Im Alter von 14 Jahren begann er eine Lehre beim einem Berliner Apotheker. Während seiner Ausbildung wurde sein Interesse an der Alchemie geweckt, die er heimlich im Labor seines Lehrherrn betrieben haben soll. Er geriet in den Verdacht, Silber in Gold verwandeln zu können, wurde vom preußischen König Friedrich I. (1657-1713) vorgeladen und entzog sich dieser Pflicht durch Flucht zu seinem Onkel in Wittenberg, das damals noch immer zu Sachsen gehörte2). Dort wurde er von der Stadtwache verhaftet und so vor dem Zugriff der preußischen Administration geschützt. Dass Johann Friedrich Böttger dann den Rest seines Lebens wie ein Gefangener des sächsischen Kurfürsten August des Starken (1670-1733) fristete, gehört aber auch zur traurigen Wahrheit.
Ab dem Jahr 1702 liefen in Sachsen zwei mehr oder weniger geheime Projekte an, zum einen zur „Produktion von Gold“ und zum anderen zur Entwicklung besserer Verfahren für die Ausbeutung der landeseigenen Bodenschätze. Nun hat das alles nicht offensichtlich etwas mit Mathematik zu tun. Aber 1704 erhält der – auch mathematisch gebildete – Gelehrte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708) den königlichen3) Auftrag, die Arbeiten von J. F. Böttger zu überwachen. Dieser hatte zudem in früheren Jahren an der Erstellung von Brennspiegeln und Brenngläsern geforscht4). Ohne die Ausfürungen durch Details zu ausführlich zu gestalten und damit einer gewissen Unübersichtlichkeit Vorschub zu leisten, sei lediglich darauf hingewiesen, dass im Zusammenhang mit dem zweitgenannten Projekt letztlich auch die Erstellung europäischen Porzellans gelang, wobei mit den Apparaten E. W. von Tschirnhaus' die dafür erforderlichen Temperaturen erzeugt werden konnten. Als Erfinder des europäischen Porzellans gilt J. F. Böttger, wie es auch auf obiger Tafel ausgewiesen ist.
Anlässlich des 300. Jahrstags der Gründung der königlich-polnischen und kurfürstlich-sächsischen Porzellanmanufactur in Meißen, wurde von der Deutschen Post eine Briefmarke herausgegeben. Ihr Motiv ist ein Ausschnitt eines Wandbildes von Paul Kießling, das dieser 1880 in der Albrechtsburg in Meißen malte. Deren Erstausgabetag war der 1. Juli 2010. der Entwurf stammt von Nadine Nill aus Mössingen.
Briefmarke zur Porzellanherstellung
Briefmarke anlässlich des 300. Jahrstags der Gründung der königlich-polnischen und kurfürstlich-sächsischen Porzellanmanufactur, die im Jahr 2010 herausgegeben wurde
 
Es steht auch die Vermutung im Raum, dass die auf der Briefmarke rechts wiedergegebene Person – hellgrün gewanded – Ehrenfried Walther von Tschirnhaus darstellen könnte. Auf der linken Seite sind der Kurfürst, in der Mitte Johann Friedrich Böttger wiedergegeben.
 

Referenzen

[1]   Elke Strauchenbruch: WER WAR WO in Wittenberg? Wissenswertes zu 124 Gedenktafeln, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Drei Kastanien Verlag, Wittenberg, 2017, ISBN: 978-3-933028-80-8
[2]   Wolfgang Volk: Tafeln zu Mathematikern in Jena, Exponat der virtuellen Ausstellung Zeugnisse zu Mathematikern
[3]   Wolfgang Volk: Gedenktafel zu Michael Stifel in Esslingen, Exponat der virtuellen Ausstellung Zeugnisse zu Mathematikern
[4]   Wolfgang Volk: Exponate im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden, Exponat der virtuellen Ausstellung Zeugnisse zu Mathematikern
[5]   Wolfgang Volk: Brunnen für Michael Stifel in Annaburg, mathematischer Ort des Monats Juli 2023
[6]   Wikipedia: Ehrenfried Walther von Tschirnhaus
[7]   Wikipedia: Johann Friedrich Böttger
[8]   Wikipedia: Michael Stifel
[9]   Wikipedia: Schutzhaft
 

Bildnachweis

Tafeln   Wolfgang Volk, Berlin, Februar 2025
Briefmarke   schlichweg eingescanntes Original
 

1) In [1, S. 21] wird der Gebäudekomplex als „Amtshäuser“ bezeichnet.
2) Große Teile des Königreichs Sachsen – darunter auch die Stadt Wittenberg fielen erst in der Folge des Wiener Kongresses an Preußen.
3) August der Starke war nicht nur Kurfürst von Sachsen, sondern auch von 1697 bis 1706 und erneut von 1709 bis 1733 in Personalunion König von Polen und Großfürst von Litauen.
4) Einige dieser Geräte sind im Mathematisch-Physikalischen Salon im Dresdner Zwinger ausgestellt (siehe auch [4]).