Mathematischer Ort des Monats Mai 2026
Das Magnushaus in Berlin-Mitte
von Wolfgang Volk
 
Das Haus Am Kupfergraben 7 wurde 17561) unter dem preußischen König Friedrich dem Großen (1712-1786) erbaut. Dabei ist nicht gesichert, ob es als Neubau entstanden oder aus einem bereits bestehenden Gebäude durch umfassenden Umbau hervorgegangen ist [9]. König Friedrich II. übereignete das Anwesen 1761 seinem Kriegsrat Johann Friedrich Westphal, der sich im Siebenjährigen Krieg ausgezeichnet hatte, zu recht günstigen Konditionen.
Von 1774 bis 1782 wohnte der Mathematiker Joseph Louis Lagrange (1736-1813) in diesem Haus. J. L. Lagrange war bereits im Jahr 1756 zum auswärtigen Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften gewählt worden. Mit der Rückkehr Leonhard Eulers (1707-1783) an den Hof Katharinas der Großen (1729-1793) in Sankt-Petersburg im Jahr 1766 war die Position des Direktors der mathematischen Klasse an der Akademie vakant geworden. Lagrange nahm daraufhin den Ruf des preußischen Königs als Nachfolger von L. Euler in diesem Amt an und lebte von 1766 bis ins Jahr 1787 in Berlin. In dieser Zeit war er ordentliches Mitglied der Akademie – danach wieder auswärtiges Mitglied [2].
Joseph Louis Lagrange
Außenansicht des Magnushauses, von der Ecke Am Kupfergraben/Dorotheenstraße aus fotografiert
 
Im Jahr 1840 kaufte der deutsche Physiker Heinrich Gustav Magnus das Haus, das bis heute seinen Namen trägt2), und zog dort ein. Jedoch diente ihm das Gebäude nicht nur zu Wohnzwecken, wie aus einer im Erdgeschoss angebrachten Tafel deutlich wird; dort heißt es:
Das Haus von Gustav Magnus (1802–1870) steht für die Entwicklung der Naturwissenschaften zu Einzeldisziplinen im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde das Labor zu einem Ort akademischer Lehre: In diesem Haus ab 1842 als kleines chemisches Labor, ab 1863 als physikalisches Labor, als Vorläufer des neuen Physikalischen Instituts an der Berliner Universität. Ab 1843 organisierte Magnus das Physikalische Kolloquium, ein neues Format der wissenschaftlichen Kommunikation, aus dessen Kreis 1845 die Physikalische Gesellschaft zu Berlin (PGzB) hervorging. Diese bildete die Basis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG).
Magnus bewohnte das Haus bis zu seinem Tod im Jahr 1870; seine Frau blieb dort noch bis 1910 wohnen. Danach fiel das Haus verschiedentlichen anderweitigen Nutzungen zu [3].
Das Wirken von H. G. Magnus in der Zeit, in der er das Haus bewohnte, wird auch auf einer Marmortafel, die in einer Nische der Hausfassade angebracht ist, gewürdigt.
Gedenktafeln
Heute erinnern zwei Gedenkafeln an die Geschichte des Magnushauses.
Der Text der Marmortafel lautet:
In diesem Hause
gründete und leitete
1842 bis 1870
Gustav
Magnus

das erste physikalische
Institut Deutschlands.
Ihm,
den Mitarbeitern und Schülern
A[dolf] von Baeyer
3), E[mil] du Bois-Reymond4),
R[udolf] Clausius
5), P[aul Heinrich] von Groth.
H[ermann] von Helmholtz
6), G[ustav Robert] Kirchhoff7),
A[ugust] Kundt, Édouard Sarasin, John Tyndall,
Emil Warburg
zum Gedächtnis

Die Deutsche Physikalische
Gesellschaft
1930
Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten im Jahr 1996 wurde eine zweite, kleinere Tafel mit folgendem Text daruntergesetzt (vergleiche [1]):
Das Magnushaus wurde in den
Jahren 1993 - 1994
mit Unterstützung der
Siemens AG
restauriert.
In diesem Haus wohnte
Max Reingardt von 1911 - 1921.
 
Nach der Wiedervereinigung übertrug der Berliner Senat der Deutschen Physikalischen Gesellschaft die Nutzungsrechte am Haus; das Land Berlin blieb weiterhin Eigentümer. Näheres ist auf einer Gedenktafel im Eingangsbereich des Hauses nachzulesen.
ovale Tafel
Tafel im Eingangsbereich
 
Im Jahr 2001 verkaufte das Land Berlin das Magnushaus an die Siemens AG, die es als Hauptstadtrepräsentanz ausbauen wollte. Letzteres scheiterte jedoch aus Gründen des Denkmalschutzes. Wie 2024 bekannt wurde, hat die Siemens AG es inzwischen an die Schwarz-Gruppe veräußert [4]. Im März 2025 zog die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Zuge des letzten Eigentümerwechsels aus dem Magnushaus aus [3].
Vorstehendes Foto wie auch die Serie der nachfolgenden, welche die Geschichte des Magnushauses sowie der verschiedenen physikalischen Gesellshaften skizzieren aber auch einige Informationen zu Gustav Magnus vermitteln, entstanden im Zusammenhang mit der Verleihung der ars legendi-Fakultätenpreise für Mathematik und Naturwissenschaften, die am 25. April 2023 in den Räumen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) im Magnushaus stattfand. Aufgrund des erfolgten Auszugs der DGP aus dem Magnushaus kommt ihnen eine dokumentatorische Funktion zu8).
Posterfolge
Geschichte des Magnushauses
Die Europäische Physikalische Gesellschaft (EPS) führt das Magnushaus seit 2019 als EPS Historic Site [3].
Dieser Beitrag entstand unter dankenswerter Mithilfe von Manuel Staiger, der zum Status quo recherchierte.
 
 

Referenzen

[1]   Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. (Hrsg.): Magnushaus, Gedenktafeln in Berlin
[2]   Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Joseph-Louis Comte de Lagrange, Homepage der BBAW
[3]   Deutsche Physikalische Gesellschaft: Historisches, Homepage der DPG
[4]   Isabell Jürgens: Siemens verkauft historisches Haus – der neue Eigentümer überrascht, Berliner Morgenpost vom 18.10.2024
[5]   Eberhard Knobloch: Joseph Louis Lagrange (1736-1813), Mathematiker des Monats Januar 2015
[6]   Wolfgang Volk: Gräber von Immanuel Lazarus Fuchs und Leopold Kronecker in Berlin-Schöneberg, Mathematischer Ort des Monats Oktober 2014
[7]   Wolfgang Volk: Denkmal für Johann Jacob Baeyer in Berlin-Müggelheim, Mathematischer Ort des Monats Juni 2022
[8]   Wolfgang Volk: Der Besselpark in Berlin-Kreuzberg, Mathematischer Ort des Monats Februar 2024
[9]   Wikipedia: Magnushaus
 

Bildnachweis

Straßenseitige Ansicht   Wolfgang Volk, Berlin, Mai 2025
Gedenktafeln   Wolfgang Volk, Berlin, Oktober 2023
alle sonstigen Fotos   Wolfgang Volk, Berlin. Alle Fotos aus dem Innern des Magnushauses wurden im Zusammenhang mit der Verleihung der ars legendi-Fakultätenpreise im April 2023 aufgenommen.
 

1) Diese Jahreszahl wird auf dem Tableau im Innern des Hauses genannt, auf dem die Geschichte des Gebäudes skizziert wird (siehe oben bei der letzten Bildfolge). Andere Quellen nennen da durchaus andere Jahresangaben.
2) Im Gegensatz zu manch anderen Quellen (zum Beispiel [9]) wird der Name dieses Gebäudes hier durchweg ohne Bindestrich geschrieben! Diese Schreibweise ist wenig überraschend auch auf den abgebildeten Tafeln zu finden.
3) Adolf von Baeyer war Sohn des Offiziers und Geodäten Johann Jacob Baeyer (vergleiche [7]); Patenonkel war neben Adalbert von Chamisso auch Friedrich Wilhelm Bessel (vergleiche [8]).
4) Physiologe, theoretischer Mediziner und Bruder des Mathematikers Paul du Bois-Reymond.
5) Entdecker des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, war auch am Friedrichswerderschen Gymnasium in Berlin als Lehramtskandidat für Physik und Mathematik tätig.
6) Er leistete wichtige Beiträge zur mathematischen Theorie der Optik, Akustik, Elektrodynamik, Thermodynamik und Hydrodynamik. So formulierte er das Energieerhaltungsgesetz endgültig aus, maß als Erster die Nervenleitgeschwindigkeit und entwickelte maßgeblich die Dreifarbentheorie.
7) Das Grab von Gustav Robert Kirchhoff befindet sich in unmittelbarer Nähe jenes von Leopold Kronecker auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg [6].
8) Durch (ein- bis zweimaliges) Anklicken der Bilder mit dem Mauszeiger lassen sich diese mit einer höheren Auflösung anzeigen, so dass die Texte dann durchaus lesbar sind.